Das Feedback-Problem

Wem ein Problem nicht reicht, der kann sehr einfach zwei daraus machen. Er oder sie hadere einfach nur mit der Tatsache, dass er oder sie Problem Nummer eins habe. Und voilà, schon ist Problem Nummer zwei zum Leben erweckt. Ein aktuelles Beispiel.

Ein Problem von mir besteht darin, dass ich meinen Selbstwert stark an Feedback von aussen knüpfe. Habe ich das Gefühl, jemanden passe etwas nicht an mir, dann werde ich eingeschüchtert und beginne mich zu verkriechen. Also strebe ich nach Applaus und Lob, kommt dieses jedoch, fühle ich mich auch nicht gut. Bin ich jetzt doch ein Selbstdarsteller. Das will ich aber auch nicht sein, könnte das ja auch wiederum negativ auffallen. Also missfällt mir sowohl negatives als auch positives Feedback, die Konsequenz davon: ich verstecke mich. Kein Feedback ist aber das Schlimmste von allem, dann hört man ja auf zu existieren, wird depressiv und erlebt nix mehr. Die Lage scheint aussichtslos.

Gut, das war also Problem Nummer eins, wir nennen es mal Feedback-Problem. Weil ich aber ab und zu gierig bin und weil mir ein Problem nicht reicht, mach ich kurzerhand noch ein zweites draus. Das geht ganz einfach. Neulich erzähle ich also einer Freundin davon, wie wichtig mir Feedback sei und welche emotionalen Schwierigkeiten das mir bereite, so antwortet sie lächelnd und ein wenig höhnisch, dass das ja allgemein bekannt sei, dass ich diese Schwierigkeiten habe. Ich interpretiere das natürlich als Vorwurf und schäme mich dafür, Problem Nummer eins zu haben, nämlich emotional zu stark von Feedback abhängig zu sein. Und plötzlich ist Problem Nummer zwei, die Scham über Problem Nummer eins, noch grösser als die eins selbst.

Eine kleine Anmerkung für die Spitzfindigen unter euch: Problem Nummer zwei ist eigentlich kein neues Problem, sondern auch eine Manifestation von Problem Nummer eins, war der Kommentar meiner Freundin ja auch ein Feedback. Aber lassen wir das

Lustigerweise macht mir Problem Nummer eins, das Feedback-Problem, auch in diesem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, zu schaffen. So mache ich mir schon wieder zu viele Gedanken, wie das Feedback auf diesen Text wohl sein könnte. Und dann denke ich mir, oh shit, wenn ich mir so viele Gedanken über das Feedback mache, dann schreibe ich ja gar nicht mehr authentisch, also wird der Text wohl relativ dürftig werden und das heisst: negatives Feedback, also Problem Nummer eins, emotionale Probleme, Weltflucht und Depression. Dieser Satz war jetzt aber wieder authentisch, das könnte also Lob bedeuten. Das heisst aber wieder Selbstdarsteller oder gar Narzisst. Was wiederum zu Selbsthass, emotionalen Problemen und Weltfucht führt. Wenn ich den Text aber jetzt einfach wieder lösche, dann kriege ich gar kein Feedback. Und wohin das führt, wissen wir ja schon.

Die Lage ist also aussichtslos. Ich bin in einem Paradox gefangen, jede Option führt in die Depression. Gut, wenn jede Option also zum selben führt, ist es immerhin Wurscht, was ich mache. Und da der Text ja schon mal geschrieben ist, werde ich ihn mal behalten. Und falls ihr ihn jetzt hören solltet, habe ich entweder Problem Nummer eins, das Feedback-Problem, überwunden. Oder es besteht noch, dann könnt ihr aber reagieren wie ihr wollt, die nächsten zwei Tage werde ich mich sowieso verstecken, endlos im Internet surfen, Filme schauen und mich selbst hassen. Und vielleicht darüber einen Text schreiben.